Sexuelle Gewalt – Gewalt gegen Mädchen und Frauen

Einige Zahlen und Fakten

Polizeiliche Kriminalstatistik 2009-2011: Häusliche Gewalt
Medienmitteilung BFS, 23.11.2012 hier  

Schwierigkeiten der Datenlage

Untersuchungen zeigen, dass die Erhebung von Daten zum Thema sexuelle Gewalt schwierig ist. Das Thema stellt nach wie vor ein Tabu in unserer Gesellschaft dar und ist häufig mit Scham, Angst und tiefen psychischen Verletzungen der Opfer verbunden. Dies können Gründe dafür sein, dass Forschungsinterviews entweder verweigert oder Erinnerungen an erlebte Gewalt gegenüber ForscherInnen beschönigt werden. Erschwerend kommt dazu, dass von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden muss. Aus den oben genannten Gründen werden wahrscheinlich Delikte im Zusammenhang mit sexueller Gewalt weniger oft angezeigt als andere Straftaten. Allgemein kann festgestellt werden, dass Gewaltdelikte verhältnissmässig selten angezeigt werden. Obwohl die Anzeigeraten bei Gewalt insgesamt in den letzten Jahren gestiegen sind, ist ein leichter Rückgang bei den Anzeigen bei sexueller Gewalt zu verzeichnen.

Auch kann es sein, dass sich viele Opfer auch keine Hilfe bei Opferberatungsstellen, Frauenhäuser u.ä. Institutionen holen und so nicht Eingang in die Statistiken finden.

Dunkelfeldstudien, in welchen direkt mögliche Opfer und Täter befragt werden und nicht statistisches Material von Polizei, Justiz und Opferberatung erheben, gibt es zu diesem Thema kaum. Unseres Erachtens besteht ein grosser Forschungsbedarf in diesem Feld, gerade weil die offizielle, statistische Datenerhebung problematisch ist. (Sollte unsere Einschätzung hier nicht korrekt sein, so freuen wir uns selbstverständlich über Berichtigung und Nennung neuerer Studien).

Nichts desto trotz sind einige (zum Teil sehr alarmierende) Fakten über sexuelle Gewalt bekannt:

  • Gewalt gegen Mädchen und Frauen stellt eine Menschenrechtsverletzung dar.

  • Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist ein ernsthaftes Hindernis für die Überwindung der Ungleichstellung von Mädchen und Jungen sowie von Frauen und Männern in der Gesellschaft.
  • Gewalt gegen Mädchen und Frauen beeinträchtigt den Frieden, die Sicherheit und die Demokratie in Europa.
  • Laut einer Studie von 2003 (repräsentative Stichproben) werden 39,4%, also 2 von 5 Frauen in der Schweiz, mindestens einmal in ihrem Erwachsenenleben Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt.
  • Drei von vier Frauen (76,8%) haben als Erwachsene mindestens einmal psychische Gewalt und kontrollierendes Verhalten durch eine nahe stehende Person erlebt.

·   5,6% der Frauen wurden mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt.

·   6,8% der Frauen haben eine versuchte Vergewaltigung erlebt.

  • Physische Gewalt und Drohungen habe 43,6% schon mindestens einmal erlitten.
  • In einer Studie (Godenzi/Yodanis 1998) werden erstmals die durch Gewalt an Frauen verursachten Kosten für die öffentliche Hand (Bund, Kantone und Gemeinden) geschätzt. Sie betragen rund 400 Millionen Franken jährlich.

Sexuelle Gewalt ist in vielen Fällen häusliche Gewalt

  • Gewalt gegen Frauen wird überwiegend durch Partner und im häuslichen Bereich verübt.
  • Häusliche Gewalt stellt eine der häufigsten und verstecktesten Formen der Gewalt gegen Frauen dar.
  • Häusliche Gewalt kommt in allen soziokulturellen- und strukturellen Milieus und Altersgruppen vor.
  • Psychische Gewalt oder kontrollierendes Verhalten haben 48,12% der Frauen durch den aktuellen und 66% der Frauen durch einen früheren Partner erlebt.
  • Häusliche Gewalt hinterlässt deutliche, unmittelbare körperliche sowie psychische und psychosomatische Spuren. Je stärker die erlittene Gewalt der befragten Patientinnen, desto häufiger sind vermehrt gesundheitliche Belastungen feststellbar.
  • Knapp zwei Drittel der Frauen (65,3%), die stark von häuslicher Gewalt betroffen sind, erleiden sowohl Verletzungen als auch psychische/psychosomatische Probleme als Folge der Gewalteinwirkung.

Tötungsdelikte im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen und Kinder

  • Durchschnittlich werden pro Jahr 25 Frauen über 14 Jahren im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt getötet, das sind 2 Frauen pro Monat (!).
  • Unter Kinder und Jugendlichen gab es zwischen 2000 – 2004 91 Opfer von vollendeten oder versuchten Tötungsdelikten (37 davon Todesopfer). 71% davon waren von häuslicher Gewalt betroffen.

Kinder  und Jugendliche als Opfer von sexueller Gewalt

  • In 84,8 % der Fälle ist der Täter dem Opfer bekannt.
  • In 54,5% der Fälle ist der Täter sogar Familienmitglied des Opfers.
  • 2007 sind 1347 erwachsene Personen für Vergehen und Verbrechen gegen die sexuelle Integrität von Kindern verurteilt worden.
  • Davon wurden 98,3% Männer und 1,7% Frauen wegen sexuellen Handlungen an Kindern verurteilt
  • 2007 wurden 24'978 Beratungen im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen an Kindern durchgeführt.
  • Jugendliche werden heute seltener zu Hause, dafür häufiger in anderen Wohnungen (z.B. beim Täter) aber auch öfter im schulischen Kontext Opfer sexueller Gewalt.

Jugendliche als Täter von sexueller Gewalt

  • Junge Gewalttäter sind immer häufiger auch selber Opfer von Gewalt.
  • Jungen sind häufiger Gewalttäter als Mädchen. Dieser Unterschied hat sich in den letzten Jahren noch verschärft. Dies steht im Gegensatz zu der medialen Berichterstattung über die angebliche Zunahme von Mädchengewalt.
  • Sexuelle Gewalt, ist eine spezielle Form der Gewalt:
    --> Mit Ausnahme sexueller Gewalt, unterliegen Jungen einem deutlich höhern Risiko, Gewaltopfer zu werden als Mädchen.
    --> Zunehmend werden Sexualdelikte von zwei und mehr Tätern verübt (Der Anteil an Gruppentätern hat insgesamt - mit Ausnahme von Sexualdelikten (!) -  abgenommen).

Entwicklung von Gewalt unter Jugendlichen

  • Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Anzeigen von Jugendgewalt aufgrund höherer Aufklärungsquoten in den letzten Jahren zugenommen haben. Dies ist möglicherweise ein Grund für die Zunahme von Gewaltdelikten in der Kriminalitätsstatistik.
  • Allerdings gilt dies wiederum nicht für Sexualdelikte. Hier ist von einer realen Zunahme jugendlicher Täter auszugehen.

In den 1980er wurde mehr und mehr bekannt, dass Gewalt gegen Frauen mehrheitlich von Bekannten und Partnern des Opfers verübt wird. Im Zuge dessen wurden in den 1990er Jahren vermehrt Studien zum Thema durchgeführt, Initiativen und Massnahmen zur Rechtslage und Prävention gefordert. Dies führte zu einem wichtigen Paradigmenwechsel: Gewalt gegen Frauen wird nicht länger als privates Problem betrachtet. Das bedeutet, dass der Staat Verantwortung in der Bekämpfung sexueller Gewalt übernehmen muss. Gesetzgebung und Präventionsmassnahmen haben wichtige Schritte in diese Richtung vorgenommen. Dazu gehören beispielsweise Interventionsstellen für häusliche Gewalt, Frauenhäuser, Zusammenarbeit mit der Polizei (z.B. „Halt Gewalt“) und gesetzliche Änderungen, welche sexuelle Gewalt nicht länger als Kavaliersdelikt ungestraft lassen. Nichtsdestotrotz stellt sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen auch heute noch ein Tabuthema dar. Viele Mädchen und Frauen tragen psychische und physische Wunden davon.

Gemäss der Kriminalstatistik des Bundes 2000 ist die Zahl der angezeigten Delikte gegen die sexuelle Integrität, bei denen in rund 95% der Fälle Frauen die Opfer sind, weiter angestiegen. Offen bleibt, ob die Zahl der Sexualstraftaten effektiv zugenommen hat oder ob die Anzeigebereitschaft der Opfer gestiegen ist.

Dennoch: Nur jede fünfte Frau hat in ihrem Leben nie Gewalt durch eine ihr nahe stehende Person (Partner, Ex-Partner, Verwandter) erlebt.

Julia Büchele, Februar 2010

für www.arip.ch

Quellen:

Eidgenössisches Departement des Innern EDI: Informationsblatt: Zahlen zur häuslichen Gewalt . 6.11.2007

Eidgenössisches Departement des Innern EDI: Informationsblatt: Gewalt gegen Frauen . 10.12.2007

Bundesamt für Statistik, Neuchâtel 2010 www.bfs.admin.ch

Ribeaud, Denis und Eisner, Manuel. Zentrale Ergebnisse der Studie. Entwicklung von Gewalterfahrungen Jungendlicher im Kanton Zürich. Hintergrundinformationen . Pädagogisches Institut Zürich. Dezember 2007